Zukunftskongress Soziokultur 2015 mit Staatssekretär Bernd Neuendorf, Florian Malzacher, Feridun Zaimoglu und vielen anderen

Zukunftskongress Soziokultur - Vorwärts und wohin!

1974 machte das erste Soziokulturelle Zentrum in NRW auf: "Die Börse" in Wuppertal. In den vier Jahrzehnten seither sind allein zwischen Rhein und Lippe mehr als 60 weitere entstanden, bundesweit sogar einige hundert. Die Soziokultur ist heute mit eigenen Häusern und, wenn auch bescheidenen, Etats längst etabliert. Doch die Kernfrage der Selbstvergewisserung taucht immer wieder auf: Was machen wir hier eigentlich - die Welt verbessern oder Umsatz sichern?

Die letzte große Debatte über die Fortentwicklung soziokultureller Arbeit und Praxis fand in Nordrhein-Westfalen 2003 statt, anlässlich einer Studie im Auftrag der Landesregierung. Seitdem hat sich in der Gesellschaft wie im Kulturbetrieb einiges verändert und weiter- entwickelt. Deshalb veranstaltet die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur NRW einen "Zukunftskongress Soziokultur":
Am 5. und 6. März 2015 im zakk in Düsseldorf.

Geplant ist keine Jubelfeier zum 40sten, sondern ein nüchterner Blick auf aktuelle Konzepte, Herausforderungen und die Praxis vor Ort. Zwei (halbe) Tage raus aus dem Hamsterrad des Alltags zwischen Antrag schreiben, Bühne umbauen, Verhandlungen mit KünstlerInnen, Bier verkaufen und Gruppenräume aufschließen. Endlich einmal das diskutieren, was auf den regelmäßigen LAG-Tagungen zu kurz kommt und über den eigenen Tellerrand hinaus gucken; mit versierten Beobachtern und KollegInnen von außen.

Den Einstieg in die kritische Standortbestimmung wird der Dramaturg und Autor Florian Malzacher liefern. Er steht für lokale Wurzeln, innovative Formen und großes Theater, arbeitete u.a. an der Wiener Burg, leitete das Festival "Impulse", kuratierte den "Steirischen Herbst", schrieb ein Buch über die Theatergruppe "Rimini Protokoll". Klar ist schon jetzt: Malzacher Bestandsaufnahme wird kein süßes Liebeslied für die Soziokultur.

Im weiteren Tagesverlauf werden verschiedene Foren Gelegenheit zu Standortbestimmung und Perspektiventwicklung bieten. Alle wissen: Die Realität ist ein Spagat zwischen den gesellschaftlichen, künstlerischen, politischen Ansprüchen soziokultureller Arbeit und der Absicherung eines Geschäftsbetriebs, der Kunden bedient, Mitarbeiter und Künstler bezahlt. Was hat diese tägliche Arbeit heute noch mit den ursprünglichen Zielen zu tun? Unter dem Motto "Mit Adorno zum Pro-Kopf-Umsatz - Soziokultur zwischen Theorie und Bierverkauf" soll diese Problematik diskutiert werden; aus Sicht der Theorie, aber auch der Praxis.

Ein weiteres Thema sollen die Zusammenhänge von Stadtentwicklung und Soziokultur sein. Letztere hat ihre Wurzeln auch in der öffentlich geförderten "Wohnumfeldverbesserung" der 70er und 80er Jahre; zurzeit werden die aktuellen Forderungen der lokalen "Recht auf Stadt"-Bewegungen in den Zentren durchaus diskutiert und ernst genommen. Ideengeber von damals und Aktivisten von heute sollen deshalb in einem Forum zum Stadtbegriff selbst und zur Wirkung soziokultureller Initiativen im städtischen Raum miteinander ins Gespräch kommen. Auch hier ist Nostalgie fehl am Platz: Die Verödung vieler Städten und Gemeinden bei raumgreifender Gentrifizierung andernorts sind drängende Gegenwart.

Zwei weitere Foren des ersten Kongresstages werden sich um das Spannungsfeld von Angekommensein und Innovationsfähigkeit drehen: Sind die Soziokulturellen Zentren und Projekte noch Brutstätte und Entfaltungsorte neuer gesellschaftlicher Strömungen? Oder sind sie zur verdienten Wohlfühloase müde gekämpfter StürmerInnen und DrängerInnen geworden? Stimmt die These "Etabliert - und das ist gut so"? Wo steht die Soziokultur nach dem Marsch durch die Institutionen und welche Rolle soll und will sie zukünftig einnehmen? An dieser Generaldebatte wird sich auch NRW-Kultur Staatssekretär Bernd Neuendorf beteiligen.

Der zweite Tag des Düsseldorfer Zukunftskongresses wird mit einem echten Highlight starten, wenn Schriftsteller Feridun Zaimoglu sich einer einfachen, schwierigen Frage stellt: "Können Kunst und Kultur die Welt verändern?"

Anschließend werden unter dem Stichwort "Soziokultur 3.0" neue Themen, neue Ideen, neue Formate der Kulturarbeit in Werkstattgesprächen aufgegriffen: Verändern Soziale Medien nur das Marketing oder auch die Inhalte? Wen erreichen die soziokulturellen Angebote, wen nicht? Wie lässt sich heute Teilhabe organisieren und welche Bedeutung hat das Ehrenamt bei gleichzeitiger Professionalisierung der Arbeit? Wie gehen die Soziokulturellen Zentren mit dem demographischen Wandel um, wie mit dem Rückzug des Staates aus öffentlichen Aufgaben?

Auf manche dieser Fragen hat die Soziokultur bereits Antworten, die noch längst nicht alle kennen, aber kennen sollten. Auf viele hat sie (noch) keine, braucht aber dringend welche. Der "Zukunftskongress Soziokultur" soll deshalb nicht zum x-ten Mal beklagen, was alles nicht - oder nicht mehr – geht. Stattdessen wird zu hören und zu sehen sein, was andere hier und dort schon machen und was den KollegInnen aus den vielen Zentren und Projekten im Land dazu noch einfällt außer: "Schöne Idee, aber bei uns schwierig, weil ..."

Jochen Molck