H.-Jörg Siewert

Wirkungsweisen der Soziokultur für Stadtteile, Regionen und ländliche Räume

Vorbemerkung

Der Soziokultur (und den Soziokulturellen Zentren) wurden in ihren 50 Jahren Geschichte und Praxis unterschiedlichste Funktionen zugesprochen. Lässt man Wirkungsbehauptungen der Szene im Kampf um ein Mindestmaß an finanzieller Unterstützung von Land, Kommunen und Stiftungen außen vor, so sind die wesentlichen Funktionen im Folgenden aufgeführt. Dabei wird nicht zwischen manifesten und latenten Funktionen unterschieden. Auch wird hier nicht differenziert in unterschiedliche Entwicklungsphasen, sondern abstrahierend zusammengefasst. Zudem hat Soziokultur in den neuen Bundesländern andere Wurzeln. Ebenso unterschiedlich sieht die Entwicklung der Raumplanung in den neuen Bundesländern aus.

Soziokulturelle Zentren zeichnen sich durch spartenübergreifende Veranstaltungsprogramme aus, sprechen unterschiedliche soziale Gruppen und Bevölkerungskreise an. Sie fördern selbstorganisierte Aktivitäten von Gruppen, bieten Möglichkeiten zur Entwicklung von Eigeninitiative. Selbst gestellte Aufgaben sind somit: Teilhabe ermöglichen, Infrastruktur bieten, Kommunikation initiieren und Öffentlichkeit herstellen. Aber: jedes Zentrum ist anders – das zeigt die Herausforderung, über Funktionen von Soziokulturellen Zentren beziehungsweise der Soziokultur im Allgemeinen zu sprechen.

Wirkungsfelder der Soziokultur

Die „Wirkungen“ der Soziokultur sind selten empirisch überprüft worden. Gerade in der Soziokultur verhindert häufig die Programmatik die empirische Analyse. Das hat aber auch für den gesamten Kulturbereich Gültigkeit. Kultur ist gegebenenfalls nicht ganz so wichtig und notwendig, wie Kulturfunktionäre voller Überzeugung glauben machen wollen. Selbst der „Kulturinfarkt“ bleibt auf „halbem Weg“ stehen. Nicht jedermann muss sich für Kultur (welcher Art auch immer) interessieren. Menschen fern öffentlich geförderter Kultur mögen den Kulturförderern und Kulturverbänden ein Graus sein, aber jeder hat ein Recht auf keine (öffentlich geförderte) Kultur. Die folgenden Ausführungen erfolgen auf Plausibilitätsebene (siehe Siewert 2012). Wie weitreichend die Auswirkungen der Zentren als institutionalisierte Form der Soziokultur sind, zeigt sich in der Übernahme von Prinzipien soziokultureller Praxis. Was früher charakteristisch war für die Soziokultur, ist heute zur Selbstverständlichkeit auch für andere Genres und Kultureinrichtungen geworden. Kunst und Kultur finden statt in Fabriken und Amtsgebäuden, aber auch in Konsumpalästen, Bahnhöfen, Altenheimen und in Nachbars Wohnung. Theater bieten Kunst und Kultur zum „Anfassen“ und Selbstmachen, zum Beispiel das Staatsschauspiel Dresden mit seiner „Bürgerbühne“. Besondere Strategien gelten Bevölkerungsgruppen jenseits des Bildungsbürgertums, wie auf Landesebene Niedersachsen zeigt (Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur 2014).

Soziokultur als „Spürhund“ – Zur Antennenfunktion der Soziokultur

Soziokultur spürt Themen frühzeitig auf und transportiert sie in die Kulturpolitik auf kommunaler, auch auf Landesebene. Als aktuelles Beispiel sei das Thema „Die Folgen demographischen Wandels“ unter dem Rubrum „Mit Soziokultur den Wandel gestalten“ angeführt. Das Thema ist frühzeitig in Projektform von Soziokulturellen Zentren und Vereinen angegangen worden, auch auf Fortbildungen von Fachverbänden thematisiert worden. Beispielhaft sind hier die vielfältigen Initiativen der LAGS Niedersachsen wie eine Ausstellung im niedersächsischen Landtag (LAGS 2009), aber auch attraktiven Veröffentlichungen zum Beispiel zur Transkultur(LAGS 2012) und zu den ländlichen Räumen (LAGS 2013).

Die prinzipielle Offenheit der Soziokultur an der Schnittstelle von Kultur, Kunst, Gesellschaft, Politik und Sozialem ist ein besonderes „Plus“, mit dem sie schnell und flexibel auf gesellschaftliche Umbrüche reagieren kann.

Erweiterung am Beispiel Bildende Kunst

Soziokultur hatte in den 1970er Jahren die erstarrten kulturellen Strukturen zum „Tanzen“ gebracht. Die Schranken zwischen professioneller Kunst und selbst organisiertem künstlerischen Schaffen wurden erfolgreich durchbrochen. Entgegen wohlfeiler Ideologie war Soziokultur aber keineswegs gedacht als Gegenbegriff zu Kunst und Ästhetik. Sie war vielmehr Aufforderung, deren Bedeutung als Medium für Kommunikation, Reflektion und Partizipation ernst zu nehmen (Siewert 2012). Soziokulturelle Zentren verstehen sich heute (zumindest in Teilen) als Kultur- und Kunstlabor. KünstlerInnen finden eine Bühne und probieren ungewöhnliche Formate aus. Das Düsseldorfer „zakk“ mit seinen „Werkstätten“, „FAUST e.V.“ in Hannover mit Kunsthalle und Künstlerateliers sowie das Bürgerzentrum „Schuhfabrik Ahlen“ unter anderem mit dem Projekt „Des Zentrums neue Kleider“ sind gute Beispiele, die erfolgreiche Alltagsarbeit, aber auch fruchtbares Reiben mit den aktuellen Künsten belegen. Der „Hermannshof“ in Völksen, vor den Toren Hannovers, nähert sich umgekehrt der Soziokultur auf der Basis künstlerische Aktivitäten in enger Zusammenarbeit mit Fachhochschulen und Kunsthochschulen. Keineswegs impliziert Bildende Kunst in der Soziokultur eine Abkehr von hohen künstlerischen Standards und hoher Professionalität. Niedrigschwellige Raumangebote für die Künstlerschaft lassen die Zentren auch als „Inkubationszentren“ der „kleinen Kultur- und Kreativwirtschaft“ wirken (Ebert 2009). Den Beitrag Soziokultureller Zentren zur Kultur- und Kreativwirtschaft sieht jedoch eine Machbarkeitsstudie in Niedersachsen skeptisch. Sie legt nahe, dass Aufklärungsbedarf über die unterschiedlichen Arbeitsfelder besteht und Kooperationsmöglichkeiten nicht in vollem Umfang genutzt werden (Reinwand-Weiss u.a. 2013).

Soziokultur und Kreativität

Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft gewinnt die Ressource Kreativität immer stärker an Bedeutung. Die Creative Class ist zurzeit in aller Munde, ist gewiss auch eine Modeerscheinung. Ausgangspunkt sind die Arbeits- und Wohnortentscheidungen kreativer Menschen. Diese orientieren sich nicht allein an ihren Chancen, eine gut bezahlte Beschäftigung zu finden. Kreative legen in besonderem Maße Wert auf Toleranz, Offenheit, kulturelle Angebote sowie allgemeine Lebensqualität in Städten und Regionen (Florida 2002). Die Attraktivität von Städten und Regionen scheint zum entscheidenden Anziehungsfaktor zu werden. Aus „people follow jobs“ wird „jobs follow people“. In dieser Perspektive gewinnen auch Soziokulturelle Zentren als attraktive „agents of change“ regionalpolitisch an Interesse (siehe z.B. für das Wendland die Arbeit des „Kulturzentrums Platenlaase“, für Emden und Umgebung die „Ländliche Akademie Krummhörn“).

Kulturelle Teilhabe

Ergebnisse der empirischen Besucherforschung zeigen eine alarmierend geringe, sozial selektive und vor allem bei Jüngeren sinkende Teilhabe an den öffentlich geförderten Kulturangeboten. Die Schere zwischen „kulturaffinen“ und „kulturfernen“ Schichten öffnet sich zunehmend. Der Zusammenhang von sozialer und kultureller Exklusion verfestigt sich.

Hilmar Hoffmanns Vision, allen kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, wird reduziert zu dem Vorhaben, die traditionellen Kultureinrichtungen „kulturfernen“ Gruppierungen als NutzerInnen zu öffnen. Die „Kultur der Wenigen zur Kultur der Vielen zu potenzieren“ ist kulturpolitisch der falsche Ansatz. Sich nur um eine quantitative Steigerung der Nachfrage zu bemühen ist zu wenig. Nicht die Vergrößerung, sondern die Erweiterung des Publikums im Sinne einer gezielten Erschließung neuer Ziel- und Akteursgruppen aus bisher unterrepräsentierten Bevölkerungsteilen ist zentrale Aufgabe. Es reicht nicht, den Zugang zu Kultureinrichtungen zu öffnen. Es geht vielmehr darum, dass diejenigen, die bislang kulturfern – oder, genauer formuliert, fern einer bürgerlichen Kultur - waren, Gelegenheit ergreifen, ihre Kultur, ihre Inhalte zu formulieren, einzubringen und politisch durchzusetzen. Es geht zum Beispiel um kulturelle Präferenzen der nachwachsenden Generationen wie auch der wachsenden Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Kultureinrichtungen müssen sich als veränderungsfähig erweisen, indem sie für einen größeren (anderen) Teil der Bevölkerung Bedeutung gewinnen (Mandel 2013; Kolland 2011; Haselbach u.a. 2012).

Basierend auf einem weiten, partizipativen Kulturbegriff ist Soziokultur offen für unterschiedlichste kulturelle Konzepte aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen. Sie setzt auf Beteiligung ihrer NutzerInnen. Sie steht für eine demokratische Aktivierung und befähigt die BürgerInnen, ihre Teilhaberechte wahrzunehmen. Soziokultur initiiert neue Formen bürgerschaftlichen Engagements und wirkt der sozialen Spaltung der (städtischen) Gesellschaft entgegen. Darin liegt ihre Stärke. Diesen Ansatz bringt sie vehement in die Kulturpolitik ein.

Stadtumbau, Stadtentwicklungs- und Regionalplanung

Jenseits der von Aura und Weihe umgebenen Institutionen des traditionellen Kunstbetriebes gedeihen ganze Kunstsparten, Stilistiken und kulturelle Perspektiven auf der Suche nach neuen Räumen. Insbesondere an den Bruchlinien des gesellschaftlichen Wandels, in den Brachen der umbrechenden Systeme erobern Gruppen „Räume der Freiheit“. Solche Orte sind zunächst Zwischennutzungen, transitorischer Räume. Industriebrachen werden „Brutplatz“ für eine neue „Kreative Klasse“. „Kultur aktiv in alten Gebäuden“ hieß das in den 1970ern, weit vor Richard Florida. In den 1990ern ist das paradoxe Faktum der „Enteignung des öffentlichen Raumes in Gestalt seiner Reinszenierung“ stadtpolitisches Thema. Es handelt sich um eine zunehmende Trivialisierung der urbanen Stadtkultur.

Noch zu Beginn der 1970er Jahre wurde Stadterneuerung in erster Linie als Anpassung baulicher Strukturen an veränderte ökonomische Erfordernisse verstanden. Rigorosen Flächensanierungen fielen nicht nur Wohnviertel mit historischer Bausubstanz zum Opfer. Zerstört wurden auch gewachsene Formen der Stadtkultur. In den 1980erJahren verändern sich Ziele und Aufgaben der Stadtsanierung in Richtung einer behutsamen Stadterneuerung. Neben der Korrektur städtebaulicher Mängel geht es darum, Raum für soziales Leben, für Kommunikation und kulturellen Austausch zu schaffen.

Für viele Zentren war die Auseinandersetzung mit städtischer Sanierungspolitik Gründungsmotiv. Hausbesetzungen, Um- und Ausbau der maroden Hinterlassenschaften einer Industriekultur – von ehemaligen Fabrikgebäuden, Industriebrachen, leergezogenen Mietsgebäuden bis zu aufgelassenen Bahnhöfen – prägen das Verhältnis von Soziokulturellen Zentren zu Prozessen der Stadtentwicklung. Soziokultur, in ihrer Entstehung eng verknüpft mit den Neuen sozialen Bewegungen, engagiert sich zum Teil in heftiger Konfrontation mit den kommunalen Verwaltungen an der Wiederbelebung der Städte, mit der Folge der Aufwertung von Alltagskulturen und einer Umwidmung von Funktions-zu Lebensräumen.

Mit Städtebaufördermitteln sind vor allem in NRW der Um- und Ausbau, auch die Neugründung von Zentren wie „Alte Feuerwache“, Köln; „Alter Schlachthof“, Soest; „Bahnhof Langendreer“, Bochum; „CUBA“, Münster; „Flottman Hallen“, Herne; „Lindenbrauerei“, Unna; „Ringlokschuppen“, Mühlheim; „Stroetmanns Fabrik“, Emsdetten; „Schuhfabrik Ahlen“; „zakk“, Düsseldorf; „Zeche Carl“, Essen gefördert worden. In Hamburg sind Soziokulturelle Zentren ebenfalls früh in Stadtteilentwicklungsprozesse einbezogen. BewohnerInnen in den Quartieren hatten sich unter dem Anspruch „Kultur für alle, von allen“ organisiert. Dieses Engagement ist noch heute lebendig. Drängende Fragen sind derzeit die Einbeziehung migrantischer Kulturvereine, Sicherung und Entwicklung bürgerschaftlichen Engagements, Notwendigkeit einer inhaltlich-fachlichen Qualifizierung, Stadtteilorientierung in der kulturellen Bildung.

Perspektive: Kulturalisierung der Stadtplanung

Die Diskussion um die Beziehung von Stadtentwicklungsplanung und Kultur akzentuiert Reinhart Richter vor dem Hintergrund der Bewerbung der Stadt Kassel um das Label Kulturhauptstadt Europas mit seiner Idee einer kulturgeprägten Entwicklung. „Kulturprägung bedeutet einerseits, dass das kulturelle Schaffen, die Kulturarbeit, die Kultureinrichtungen als wichtige Bestandteile der Stadt, der Stadtentwicklung angesehen werden. Es bedeutet darüber hinaus, dass kulturelle Betrachtungsweisen, kulturelle Maßstäbe und gegebenenfalls auch Formen der Kulturarbeit Bestandteil in der Entwicklung und Umsetzung möglichst vieler anderer gesellschaftlicher Aufgabenbereiche der Stadtentwicklung sind.“ (Richter 2004 und Richter 2011) Solche Bereiche sind zum Beispiel Bildung, Soziales, Wirtschaft und Tourismus. Kulturprägung bezieht sich nach Richter aber auch auf die Kultur der Kommunikation und der Kooperation. Wie werden die Menschen in der Stadt mit ihren Zielen, ihren Visionen, ihren Ideen und ihrer Kritik an der Stadtentwicklung beteiligt? Wie sieht die Kommunikationskultur der Menschen untereinander, wie zwischen Verwaltung, Politik und BürgerInnen aus?

Es ist ein großer Schritt, BewohnerInnen nicht nur an Planungen sondern auch an der Umsetzung der Planungen zu beteiligen; ein Paradigmenwechsel – von der Planungsbeteiligung zur Handlungsbeteiligung. Auch in dieser Perspektive haben Soziokulturelle Zentren schon in den 1980er Jahren gehandelt, in Korrespondenz mit den beginnenden Ansätzen der behutsamen Stadterneuerung (siehe für NRW Siewert 1988 und Ganser 1991). Der Beteiligungsaspekt bei Planungsvorhaben wird heute in der Stadterneuerung differenziert und umfassend diskutiert, insbesondere nach „Stuttgart21“ (Selle 2013; Perspektiven aus kultureller Sicht siehe „Kulturpolitische Mitteilungen“ II/2011 „Kulturelle Infrastruktur und Bürgerproteste“).

Heute organisieren Zentren kritische Öffentlichkeiten bis hin zur Vermittlung unterschiedlicher PartnerInnen. Soziokulturelle Zentren sind in der Lage, als intermediäre Organisation kooperative Problemlösungen voran zu bringen. Sie können zu sozial verträglichen Lösungen beitragen. Als „Anwalt“ verleihen sie weniger artikulationsstarken Bevölkerungsteilen Stimme und erwirken Teilhabe. Sie können effiziente Lösungen entwickeln, indem sie auf umfassende Ortskenntnis setzen und durch weniger aufwändige Umsetzung Ressourcen sparen. Soziokulturelle Zentren nehmen für sich in Anspruch, BürgerInnen – vor allem auch diejenigen ohne ökonomische und politische Macht – an Entscheidungsprozessen wirkungsvoll teilnehmen zu lassen. Es sei nachdrücklich betont, dass Soziokulturelle Zentren solche Vermittlungsarbeit leisten können. Diese Grenzüberschreitungen sind jedoch nicht zwingend erwartbar. Die Zentren sind keine für Planungsprozesse „betrauten“ Organisationen wie zum Beispiel Quartierskontaktstellen. Sie können jedoch die Chance ergreifen, BürgerInnen für diese Prozesse zu befähigen. Es geht um ihren Beitrag zum „community organizing“, zum „empowerment“ zum „compaining“ (Selle 1991). Eine Dissertation von Reinhold Knopp kommt zwar zu dem Schluss: „Stadtpolitik nimmt gegenwärtig in den Aktivitäten der dazu befragten großen soziokulturellen Zentren einen eher nachrangigen Stellenwert ein.“ (Knopp 2003). Hingegen fasst Alexander Flohé breiter zusammen: „In den Diskursen zwischen allen Gruppen der Stadt-Gesellschaft als Form der Auseinandersetzung können sich die Zentren verorten: Sie können Netze spannen und Räume für solche Verständigungsprozesse öffnen, sie können mit ihren kommunikativen Netzwerken einen wichtigen Beitrag zu einer Neufassung des Sozialen und Politischen leisten.“ (Flohé 2006). Die „Kulturetage Oldenburg“ hat sich beispielsweise in den Jahren 2009 bis Herbst 2011 im Bahnhofsviertel um die Belange der BewohnerInnen gekümmert und deren Interessen, Wünschen und Visionen Ausdruck verliehen. Bewegung soll in das Viertel kommen, die Lust am Experiment, am Neuen geweckt werden. Es geht um das aktive Mitwirken an gesellschaftlichen Prozessen – in diesem Fall an kreativ-künstlerischen und stadtplanerischen Prozessen mit dem Ziel, ein urbanes Viertel zu erhalten und mit den BewohnerInnen (und den dort Arbeitenden) gemeinsam weiterzuentwickeln.

Von Zentren gehen auch häufig künstlerische, temporäre Interventionen in den Stadtraum aus. Gerade in öffentlichen Räumen, in denen Interessen von EigentümerInnen, MieterInnen und NutzerInnen kollidieren, helfen künstlerische Aktionen, Ansprüche und Wünsche zu artikulieren. Temporäre Aktionen und künstlerische Interventionen lassen sich quasi als Diagnoseinstrumente für Stadträume einsetzen, indem sie „Räume auf Zeit“ bilden (Berding / Kluge 2014). Eine derart aktive und mitgestaltende Einbindung der Bevölkerung verhilft, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Auch Akteure, die sich sonst nicht engagieren, werden aktiviert. Brisante gesellschaftliche Themen können im Rahmen einer öffentlichen Kunstaktion thematisiert werden. Temporäre Interventionen ersetzen keine Beteiligungsverfahren im klassischen Verständnis. Im Sinne partizipativer Kunst laden sie aber zum Gespräch ein. Betroffene werden aktiviert. Solche Interventionen auf Zeit werden häufig von Soziokulturellen Zentren eingebracht, siehe beispielsweise für Hannover „Linden Faust e.V.“, die ihre künstlerische Kompetenz mit vielfältigen anderen Stadtteilbewegungen vereinen.

Soziokultur und regionale Planung

Soziokultur ist von ihrer Entstehungsgeschichte her zunächst eine urbane Erscheinung. Die Entwicklung hat aber auch die ländlichen Räume ergriffen. Soziokulturelle Zentren und Vereine sind in ländlichen Räumen – auch unabhängig ihrer Entstehungskontexte (siehe Martin 2013) – längst keine exotischen Fremdkörper mehr. Breitenkultur und Soziokultur sind eng verknüpft und tragen zur kulturellen Entwicklung der ländlichen Regionen bei. Soziokultur entwickelt sich dort nachhaltig, qualifiziert und attraktiv. Herausragende Beispiele zum Beispiel im Flächenland Niedersachsen zeigen, dass Kulturarbeit auf dem Land mit hoher Qualität, mit lokalem Bezug, unter Beteiligung vieler Menschen, in enger Zusammenarbeit von Professionellen und Laien und mit überregionaler Ausstrahlung. Beispiele sind: „Seefelder Mühle“, „Kulturforum Heersum“, „Ländliche Akademie Krummhörn“, „Hermannshof Völksen“ und das kulturtouristisch herausragende „Kulturnetzwerk Ostfriesland“.

Die Region ist zu einem vielgebrauchten Schlüsselbegriff, aber auch zu einem Schlagwort der letzten Jahrzehnte geworden. Region ist heute – vor 20 Jahren noch mit „Rückständigkeit“ und „Provinz“ gleichgesetzt – überaus positiv besetzt. Planerische Kooperationsansätze werden emotional unterfüttert: „ohne Liebe zur Region keine Entwicklung“. Akteure vor Ort sollen für einen intensiv und langfristig angelegten Dialog gewonnen werden. Die Motivation für die Teilnahme am regionalen Dialog liegt vor allem im erhofften Kooperationsnutzen. Der Prozess, durch Allianzen Synergien zu gewinnen lässt sich unter dem breiten Begriff „governance“ fassen (Föhl u.a. 2009). Bei „Regional Governance“ handelt es sich um Kooperationen zwischen Akteuren der staatlichen, privatwirtschaftlichen und zivil-gesellschaftlichen Sphäre zur Bearbeitung der regionalen Entwicklung, die kollektives Handeln unterschiedlicher Akteure mit unterschiedlichen Handlungslogiken ermöglichen. Für kommunale Verwaltungen hat das den Wechsel von hierarchischen zu kooperativen Verfahrensweisen zur Konsequenz. Das ist eine enorme Herausforderung, die ein strukturelles Umdenken aller Beteiligten erfordert (Zetzsche 2009).

Soziokulturelle Vereine und Zentren als Knotenpunkte

Soziokultur hat als zentrales Element neuer Kulturpolitik in den letzten Jahren einen größeren Stellenwert erhalten. Soziokulturelle Zentren können beispielgebend für räumliche Planungen sein. Im Kontext der Diskussion um öffentliche Verwaltungsreform, Raumentwicklungs- und Kulturpolitik können Soziokulturellen Zentren als Strukturmodell gesehen werden: dezentral, finanziell effektiv, ressourcenverantwortlich, selbstverwaltet, basisorientiert, sozial gebunden und regional verankert.

Soziokulturelle Zentren sind kulturelle Knotenpunkte, indem sie über besondere Kompetenzen und Erfahrungen in Kulturarbeit und Kulturplanung verfügen. Sie sind in der Lage, anderen Kultureinrichtungen, aber auch Kommunen durch Beratung und Bereitstellung von Software zu helfen. Kompetenzen und Potenziale, die in einzelnen Zentren vorhanden sind, werden für andere, ohne großen Kostenaufwand, vor allem ohne neue Verwaltungsstrukturen, nutzbar. Sie sind Dienstleister, die den regionalen Akteuren begleitend und unterstützend zur Verfügung stehen. Sie sind gleichermaßen Motor wie auch Teil der vorhandenen kulturellen Struktur. Sie beschränken sich keineswegs nur auf Soziokultur, sind vielmehr spartenübergreifend und stehen für die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. Die Arbeit der KulturberaterInnen der LAGS Niedersachsen (siehe z.B. Kunst und Gut 2013) zeigt, dass dies mehr als Wunschdenken ist. Kulturelle Knotenpunkte haben das Ziel, Handlungsmöglichkeiten und Selbstverantwortung zu entwickeln, zu unterstützen und zu erweitern. Sie sehen ihre Aufgabe in der Arbeit mit den vorhandenen kulturellen Netzwerken sowie die Aktivierung regionaler Akteure zum Aufbau neuer Netzwerke. Um für andere unterstützend und beratend tätig werden zu können, benötigen die Knotenpunkte gegebenenfalls auch finanzielle Unterstützung, damit sie Arbeitskapazität, zum Beispiel Honorar- und Werkverträge einkaufen können (Rüschoff-Thale u.a. sowie die Diskussion der niedersächsischen Fachverbände, Dallmann 2013).

Vernetzung

Kunst und Kultur bieten ein zukunftsträchtiges Potential für eine erfolgreiche Entwicklung – gerade in den ländlichen Räumen. Es ist die Rede vom weichen Standortfaktor, vom Erhalt des kulturellen Erbes, von der Erhöhung der Lebensqualität. Die Verknüpfung von kulturellen Themen mit Fragen der Flächenpolitik, des Tourismus, der Bildungs-, Freizeit- und Sportpolitik ist häufige Praxis. Kulturförderung und Kooperationen in den Regionen sollen die kulturelle Vielfalt fördern, die Kommunikation verbessern, aber auch innovative Vorgehensweisen ermöglichen. Voraussetzung ist jedoch die Entwicklung von Strukturen, die verlässlich eine kontinuierliche Informations-, Moderations- und Koordinationsleistung erbringen. Wichtig ist im Falle der soziokulturellen Netzwerke, dass es sich um ein „bottom-up“- Verfahren handelt. Es geht um die zentrale Frage, wie eine Beteiligungskultur für alle entwickelt werden kann. Wie es gelingt, unterschiedliche Akteurs- und Bevölkerungsgruppen auf diesem Weg mitzunehmen. Es geht einerseits darum, traditionelle Leitbilder und Handlungsmuster, die sich zu „Routinekartellen“ verfestigt haben, aufzulösen und andererseits tragfähige neue Orientierungen zu entwickeln. Es geht um Handlungskompetenz der BürgerInnen, um stabile Kooperationen in den Netzen der Nachbarschaft, um Kommunikationsformen, die auf Interesse und Artikulationsgewohnheiten der Bewohner eingehen.

Regionalplanung erfordert heute kooperative Problemlösungen. Dabei meint Kooperation ungleich mehr als traditionale Bürgerbeteiligung. Es ist unzureichend, wenn die zentralen Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse in der Verwaltung stattfinden, an denen der BürgerInnen im Nachhinein „beteiligt“ wird (Selle 2013 und über den Einzelfall hinaus Ginsky / Selle / Sommer 2013). Soziokulturelle Zentren bringen sich in diese Prozesse als Experten im Stadtteil ein. Für eine derart neue Teilhabekultur setzt Soziokultur – zumindest gelegentlich – erfolgreiche Standards.

Ausblick

Die (allgemeine) intermediäre Funktion der Soziokulturellen Zentren sei abschließend konkretisiert auf das zukünftig so wesentliche Thema „Infrastrukturumbau“. Weniger die vermeintlich notwendige Abwehr von Kürzungen und Schließungen, als vielmehr die Möglichkeiten auf Gestaltung des Umbaus der (kulturellen) Infrastruktur verlohnen ein stärkeres Engagement. „Räume für Begegnung und Kommunikation sind zu schaffen. Dies ist nicht zu reduzieren auf ‚gebaute Räume‘ (und es müssen auch keine neuen gebaut werden, andere Nutzungskonzepte mögen oft ausreichen), sondern dies gilt auch für Aktionsstrukturen und Denkgebäude, die immer wieder mit dem Gedanken der Partizipation gegengebürstet werden müssen.“ (Kolland 2011). Wenig tröstlich, wiewohl politisch opportun, ist die stete Betonung, dass eine Umverteilung nicht stattfinden kann, sehr wohl aber eine Öffnung der „großen" Kultureinrichtungen politisch gewollt ist. Das ist schwierig genug – insbesondere wenn es dauerhafte Teilhabe von neuen Gruppen und deren Ideen von Kultur bedeuten soll. Zudem scheint diese Öffnung in ihren Konsequenzen für die kleineren Kulturträger nicht zu Ende gedacht. Es fehlt auch weiterhin die Einlösung des Ansatzes, dass nicht mehr Ressourcen die Qualität bestimmen sollen, sondern Qualität die Ressourcen. Nicht mehr individuelles Profil der Kultureinrichtungen, sondern ihre Funktion im Gemeinwesen ist kulturpolitisch wesentlich (Kolland 2011; Haselbach u.a. 2012). Ferner soll die Orientierung an Qualitätsstandards nicht aufgegeben werden. Wesentliche Erkenntnis des britischen „New Audiences Programme“ ist, dass die Ausrichtung von Angeboten an den Interessen des Publikums nicht zu einer Reduzierung der Qualität von Kunst auf Marktgängiges führt (Mandel 2013).

Für die Propagierung und Übernahme von Projekten kultureller Stadtentwicklung scheinen Soziokulturelle Zentren aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte und konkreten Erfahrung geeignet. Das bedeutet aber nicht, dass sie diese Aufgabe regelmäßig übernehmen müssen oder zu Ungunsten anderer Ziele priorisieren sollen. Sie sehen sich gewiss nicht als Instrument der Stadt- und Regionalentwicklung. Anders sieht es aus, wenn sie sich eigenständig für dieser Aufgabe entscheiden. Zentren erkennen unsittliche Erwartungshaltungen bis hin zu Überforderungen und wägen das mit ihren Mitgliedern sorgfältig ab. Das gehört zu ihren Stärken, wiewohl auch Dokumente erfolgreichen Scheiterns nicht zu übersehen sind.

Warum soll aber Soziokultur nicht Hoffnungsträger für eine auf Landes- wie auch Kommunalebene überfrachtete und verstopfte Kulturpolitik sein? Das mag zwar ein (utopisch) hoher Anspruch sein, macht gleichzeitig aber auch deutlich, wie problematisch die Lage der Kulturpolitik ist.


Literatur

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