Unser wunderbares Warenhaus
Kulturzentrum Pavillon - Neustart nach Sanierung

Wenn ich spät in der Nacht nach dem Konzert auf der leeren Bühne stehe, habe ich manchmal das Gefühl, auf einem riesigen Supertanker unterwegs zu sein, der unbeirrbar und ein bisschen behäbig im tiefen Wasser fährt. Dieses Gefühl mag bestimmt sein durch die Form des Gebäudes, einem langgestreckten 6000 m² großen Flachdachbau mit einem Aufbau, der wie eine Steuerkajüte wirkt. Und es mag bestimmt sein durch das stetige Grundgeräusch der neuen Haustechnik, die zuverlässig frische Luft in den großen Saal pumpt. Ab und zu rumpelt es, das ist die U-Bahn unter dem Haus.

15 Millionen Euro hat sich die Stadt Hannover die Sanierung des Kulturzentrums Pavillon kosten lassen. Das Gebäude gibt es seit 1975, entstanden als Ausweichquartier für das DEFAKA, als auf der anderen Seite des Bahnhofes die U-Bahn gebaut wurde und für zwei Jahre die größte Baugrube Hannovers gegraben wurde. 1977 stand das Gebäude wieder leer, der Kaufhauskonzern schenkte den Kaufhauspavillon der Stadt, das Grundstück war sowieso in städtischer Hand. Die U-Bahn fuhr und die frisch gegründete Bürgerinitiative Raschplatz e.V. erkämpfte die Nutzung des ehemaligen Kaufhauses für kulturelle Zwecke. Hier setzt die Legendenbildung des Kultur- und Kommunikationszentrums Pavillon ein: Straßenfeste, Haus der offenen Tür, erste Konzerte, Jugendarbeit, Dritte Welt Tage, Frauenbewegung, Gorlebentreck, Seniorentanz und Rollschuhfahren in einem Haus, das wie viele andere Bauten der 70er Jahre über weite offene relativ niedrige Räume verfügte. So wie die  großen Gesamtschulen der 70er Jahre, Wände wurden erst nachträglich eingezogen, als es einfach zu laut wurde, oder wie die beigen Großraumbüros im Bredero Hochhaus gegenüber, in denen heute der immer ein wenig triste Hannover Tatort gedreht wird. Ähnlich sah es zu der Zeit überall aus.

Aber es waren flexible Räume, in denen alles möglich war, an die Hand angelegt werden konnte, in denen selber neue Kultur gemacht wurde, in denen Freies Theater geboren wurde, Politkabaretts erste Auftritte hatten, viel Musik gespielt und viel diskutiert wurde. Das vollzog sich im braunen Bereich oder im grünen Bereich, die Areale verdankten ihren Namen der jeweiligen Farbe des Filzteppichbodens. Dazu gibt es wunderbares  schwarzweißes Bildmaterial mit intellektuellen Frauen im originalen 70er Jahre Stil und jungen dürren Männern in engen Hosen mit Schlag und nerdigen Brillen.
Ab jetzt aber: keine Retrospektive mehr, war unser Motto zur Neueröffnung des Hauses am 21. Januar 2014, nach genau einem Jahr sanierungsbedingter Schließzeit. Respekt der Architektin Marie Feuler aus dem Osnabrücker Planungsbüro pbr, dem städtischen Gebäudemanagement und allen Beteiligten: Bauzeit gehalten. So ist das in Hannover.  

Im sanierten Haus gibt es einen großen Saal mit 640 Sitz- oder 1200 Stehplätzen, den Tagungssaal für 150 Personen und zwei Theaterbühnen für 80 oder 120 Gäste. Dies alles können wir parallel bespielen. Das überaus großzügige Foyer ist der Verteiler zu den Räumen. Der Pavillon hat seinen eigenwilligen Charakter behalten. Die Materialien für die Deckenabhängung, die einfahrbare Zuschauertribüne, die flexiblen Bühnen, die Lampen – alles ist im industriellen, werkstatthaften Look ausgeführt. Die Beteiligungsplanung hat funktioniert, alle architektonischen und Aussstattungsdetails wurden gemeinsam mit den Nutzern bestimmt. Uns gefällt es, dem Publikum auch.  

Ein Rückblick auf die Vorgeschichte der Sanierung sei doch noch erlaubt. Seit 2010 schon lief der Veranstaltungsbetrieb nur noch mit Ausnahmegenehmigung der Behörden. Bei jeder Veranstaltung mussten Brandwachen zugegen sein. Ein beliebter Job bei den Feuerwehrleuten - dies ist jetzt Vergangenheit. Brandsicherheit, Fluchtwege, energetische Sanierung. Das waren die dringendsten und gleichzeitig allumfassenden Sanierungsanlässe. Für einen als Provisorium in den 70er Jahren errichteten Bau hatte der Pavillon sowieso schon sehr lange gehalten. Dem Ratsbeschluss zur Sanierung war ein fünf Jahre währender Diskussionsprozess vorangegangen. Die politische Kernfrage war: Neubau oder Sanierung im Bestand? Die Variante Neubau wurde verknüpft mit der Ausführung durch einen Investor, von dem das Gebäude dann durch die Stadt zurück gemietet werden sollte. Das Kulturzentrum sollte in mehreren Geschossen gestapelt, das so gewonnene Areal gewinnbringend vermarktet werden. Schließlich setzten sich der Pavillon Trägerverein und die grüne Kulturpolitik mit dem Konzept der Altbausanierung durch. Motiviert war dies von der Überzeugung, das Gebäude und das Kulturzentrum als ein Stück Stadtgeschichte und als soziokulturelle Umnutzungsgeschichte  zu begreifen. Die vielen Quadratmeter ebenerdige Fläche sollten in der Innenstadt für kulturelle Nutzung erhalten bleiben. Dass sich die Altbausanierung schließlich durchsetzen ließ, dem spielten einige Faktoren zu: die Bestandssanierung wurde als günstiger berechnet, ein mehrgeschossiger Neubau hätte sich nicht mit der darunter liegenden U-Bahn vertragen und ein Investor war nicht in Sicht. Einige städtebauliche Wettbewerbe zum innerstädtischen Raschplatz Areal, auf dem sich der Pavillon befindet, ruhen jetzt in den Archiven der Stadtplaner.

Warum jetzt keine Retrospektive mehr? Zwei Jahre vor der Sanierung gab es einen Wechsel in der Geschäftsführung. Der bisherige Geschäftsführer Uwe Kalwar ging in die regionale Kulturverwaltung. Aus dem Team heraus bewarben wir uns  als Doppelspitze: Christoph Sure und Susanne Müller-Jantsch. Uns reizte die Chance eines organisatorischen und programmatischen Neustarts, die der sanierungsbedingte Einschnitt bot. Dabei ging es um große Aufgaben wie die Programmprofilierung - alte Zielgruppen halten, neue hinzugewinnen -, die Planung eines komplexen Haushaltes für die Sanierungszeit, das Personalmanagement, die Einleitung des Generationenwechsels und um ganz pragmatische, aber wesentliche Dinge, wie die Einführung einer neuen Software für die Veranstaltungsdisposition, nach der wir uns schon lange gesehnt hatten, die aber im laufenden Betrieb nicht  umsetzbar war. Das alte Programmbuch aus Papier ging dann beim Auszug verloren.

Noch vor der Schließzeit organisierten wir öffentliche Workshops, in der es um die Programmprofilierung in den Bereichen Musik, Theater und Gesellschaft & Politik ging. Die Anregungen nahmen wir in die Betriebspause mit, in der wir einige der im Diskurs geprüften Ideen umsetzten und die notwendigen Finanzierungsanträge stellten. Daraus hervorgegangen ist dank einer Förderung durch die Stiftung Niedersachsen und einem städtischen Investitionszuschuß der Ausbau der Spielstätte für Freies Theater. Das Theater im Pavillon wird in einer engen Kooperation von der Theaterwerkstatt, die es schon seit der Gründung im Hause gibt, und dem Pavillon betrieben. In der Spielstätte ist nun die hannoversche und überregionale Freie Theaterszene zu Gast. Der Theaterauftakt mit der rauschhaften Rasierschaum- und Bierinszenierung der belgischen het KIP Compagnie auf der neuen (schluck) großen Bühne brachte das Publikum in Wallung und in einen kontroversen Meinungsaustausch.
Eine weitere Neuerung ist, dass wir nun häufiger an andere Kulturveranstalter vermieten, anstatt alles mit den eigenen Bookern zu planen und durchzuführen. Ein wichtiges Anliegen aus dem Programmdiskurs war die Bindung von neuen, jüngeren Zielgruppen an das Haus. Hierfür konnten drei neue, jüngere MitarbeiterInnen in das Team einsteigen. Dies wurde möglich, weil vakante Stellen lange vor der Sanierungszeit nicht mehr besetzt wurden und sich durch die Schließzeit zwei Teammitglieder beruflich umorientiert hatten.

Jetzt finden beim jüngeren Publikum die Konzertreihe TV noir oder kleinere Formate mit Singer Songwritern großen Anklang. Eine Schulwoche zu globalem Lernen ist für den Herbst in Vorbereitung und ein umfangreiches Projekt zu neuen Medien und Soziokultur ist in Arbeit. Die Nachwuchsförderung wird groß geschrieben, sei es mit der von StudentInnen erfundenen Sofabühne, zu der sich unbekannte KünstlerInnen aller Sparten übers Internet bewerben oder das studentische cobrafest, ein zeitgenössisches Netzwerk von Akteuren aus Theater und Kunst, die fast aus dem Stegreif ein dreitägiges Festival zauberten.

Zu Matthias Brandt, Gerburg Jahnke oder Waldimir Kaminer kommt ein großes, treues Stammpublikum, das wir halten wollen und dem wir gerne viele Wünsche erfüllen. Das bekannte MASALA Weltbeat Festival steht vor der Türe und findet nun zum 19. Mal statt. Manu Dinbango ist ebenso dabei wie neueste Weltmusik von Bollywood bis zu Ska und Hip Hop. Hier gilt es, wie im gesamten Programm, die Balance zu halten zwischen Bewährtem und neuen, durchaus experimentellen Angeboten.

Ein Jahr Schließzeit bedeutete auch, ein Team von fast 30 Personen durch diese Ausnahmesituation zu begleiten. Schon zwei Jahre vor der Sanierung konnten einige KollegInnen über Arbeitszeitkonten Sabbaticals ansparen. Dadurch entfaltete sich für die Ungebundenen im Jahr 2013 eine rege Reisetätigkeit von Australien über die Dominikanische Republik bis Gomera. Für andere Teammitglieder wurden Teilzeitvereinbarungen getroffen oder Jahresarbeitszeitkonten eingerichtet, denn bei einigen mobilen Projekten gab es genug zu tun. Die Zeit wurde genutzt für Fortbildungen, eine Kollegin konnte über das Wegebauprogramm der Agentur für Arbeit einen Berufsabschluss realisieren. An andere Kultureinrichtungen wurde Personal verliehen und einige gingen in die Arbeitslosigkeit.  Nur zwei Personen haben sich in dieser Zeit anders orientiert. Ein ausgeklügelter Finanzplan und die Weiterführung der städtischen Beihilfe gab den Planungen finanzielle Stabilität.  

Nun läuft der Betrieb nach der Sanierung schon ein halbes Jahr. Das Publikum ist wieder da, es scheint, als wäre niemand im Jahr der Sanierung ausgegangen und viele hätten lieber gewartet, bis der Pavillon endlich wieder eröffnet. Die eigentlich geplante intensive Akquise für zusätzliche Raumvermietungen ist zurzeit gar nicht nötig. Jeder will den Pavillon nutzen, auch die, denen das Kulturzentrum früher zu abgerockt war, die bürgerliche Mitte ist verstärkt präsent. An welche Nutzer wir prinzipiell vermieten wollen und können, dazu führen wir gerade eine interne Diskussion.  

Nun eine neue Situation – direkt auf dem Weißekreuzplatz vor dem Pavillon hat seit Ende Mai ein Refugee Protest Camp die Zelte aufgeschlagen, so wie in Berlin oder Hamburg. Fast erscheint dies wie eine Bewährungsprobe um zu testen wie politisch der Pavillon noch ist. Das Team hat seine Solidarität erklärt, Delegierte des Pavillons nehmen an den Plena des Camps teil. Schon jetzt haben sich das Team und viele BesucherInnen ganz anders mit der Frage auseinandergesetzt: was bedeutet Flucht? Was haben die Geflüchteten im Sudan zurücklassen müssen, was erwartet sie in Deutschland? Was konkret können wir erreichen? Jedenfalls machen wir das, was wir gut können: wir bieten aktuelle Veranstaltungen an wie zum Beispiel die blackbox Abschiebung, in der Menschen, die gerne geblieben wären, ihre Geschichten erzählen. Und haben in einem beeindruckenden Vortrag von Miltiadis Oulios verstanden, dass es um mehr als um Menschenrechte geht, nämlich um das Bürgerrecht, selbst zu bestimmen, wo mensch sich aufhalten und leben will. Wir bauen darauf, dass das Camp noch steht, wenn der Kupoge Kongress im September im Pavillon tagt.

Susanne Müller-Jantsch , Juni 2014